Schnippselzeit

Hallo zusammen,

in den letzten Monaten war es hier sehr ruhig. Auch was meine Bücher angeht, war es eher ruhig.

Da ich sehr lange nichts mehr von mir hören ließ, wollte ich mich wieder melden, Ja, ich lebe noch. Aktuell komme ich aber leider nicht zum Schreiben. Mein zweiter Roman ist zwar fertig, aber weit weg von einer Veröffentlichung. Was ich natürlich sehr schade finde, aber es werden wieder Zeiten kommen, wo ich mich wieder voll und ganz dem Schreiben widmen werde.

Jedoch möchte ich euch die Wartezeit ein wenig versüßen und euch einen kleinen Abschnitt des ersten Kapitels zur Verfügung stellen.

Bis dahin, passt auf euch auf. Es ist sehr wichtig, dass wir in diesen schwierigen Zeiten zusammenhalten. Solidarität bedeutet Zukunft. Für eine gemeinsame Zukunft müssen wir #zusammenhalten und #zusammenarbeiten.

Liebe Grüße,
Aydan

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Jules

Ich fühlte mich innerlich leer, als wäre ich meiner Seele beraubt worden. Mein Körper weilte zwar auf dieser Welt, aber die selbstbewusste Frau befand sich nicht mehr unter ihren Mitmenschen.

Wie brachte man einem Kind bei, dass es Leukämie hat? 

Sagte man es geradeheraus oder war es klüger, die Worte gar nicht erst auszusprechen? Tat man der Person damit einen Gefallen oder zögerte man nur das Unausweichliche hinaus, wenn man schwieg? Ich wusste nicht mehr, wie viele Ratgeber ich in den letzten zwei Tagen verschlungen und wie viele Internetseiten ich durchforstet hatte. Kein Szenario, das ich im Kopf durchgegangen war, endete mit einem Happy End. 

»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte Jamie und schnippte mit seinen Fingern vor meinem Gesicht. 

Ich blinzelte. »Was?«

Er nickte in Richtung der Karten in meiner Hand. »Du bist immer noch dran.«

»Tschuldige«, murmelte ich und sah seufzend auf meine Karten. »Ich glaube, ich hatte schon lange kein so schlechtes Blatt mehr.«

Jamie schüttelte grinsend den Kopf. »Das kommt davon, weil du nicht bei der Sache bist. Was ist los mit dir?«

»Nichts. Es sind nur die Abschlussprüfungen, die nächste Woche anstehen«, sagte ich und konnte ihn bei dieser Lüge nicht anschauen. Tief in mir verspürte ich das Verlangen mich einzuschließen. An einem Ort, an dem mich niemand fand. Nicht einmal die Leukämie hätte Zugriff.

Ich beging den Fehler und sah zu ihm auf. Er ertappte mich dabei. 

»Sicher?«, hakte er nach, legte den Kopf schief und studierte aufmerksam mein Gesicht. 

Manchmal vergaß ich, wie reif Jamie mit seinen zwölf Jahren bereits war. Auch die Lehrer an seiner Schule sprachen in den höchsten Tönen von seinem Potenzial. 

Und nun verlangte der Arzt von mir, ausgerechnet diesem Jungen zu sagen, dass sein Leben sich von heute auf morgen verändern sollte? 

Zur Hölle mit der Leukämie. 

Zur Hölle mit allen Krankheiten, die Leben zerstörten. 

Um nicht noch mehr Verdacht auf mich zu lenken, spielte ich den Buben aus und zwinkerte Jamie zu. »Ich habe nur gelogen, um dich hinters Licht zu führen. Du weißt, dass ich immer ein Händchen für ein gutes Blatt habe.«

Grinsend schüttelte er den Kopf. »Du warst nie gut im Lügen, Schwesterherz.«

»Lass es gut sein.«

»Ich mache mir nur Sorgen.«

»Brauchst du aber nicht.«

»Erinnerst du dich, was wir einander versprochen haben? Wir lügen nie, egal wie schlimm es auch sein sollte.«

Meine Augen begannen zu brennen, und ich schlug sie nieder. »Ich weiß.«

»Ist es wegen deiner Arbeit?«, begann er. 

Ich sah ihn wieder an. »Nein.«

»Ist es wegen Mom?«

Ausnahmsweise mal nicht. »Nein.«

Er zögerte und biss sich auf die Unterlippe. »Ist es wegen mir?«

Da ich wegen der aufsteigenden Tränen nicht antworten konnte, nickte ich nur knapp. 

Er legte die Karten auf den Boden und zögerte erneut. »Hat mein Nasenbluten etwas damit zu tun?«

Obwohl ich jene Worte bereits zigmal im Kopf durchgegangen war, blieben sie jetzt in meinem Hals stecken. Doch Dr. Tanner hatte mir geraten, ihn so schnell wie möglich einzuweihen, damit die Behandlung beginnen konnte. Wo sollte ich den Mut hernehmen, um das zu bewerkstelligen?

Langsam legte ich die Karten neben seine, zog die Beine an meinen Oberkörper und schlang die Arme um meine Knie. Er sollte meine zitternden Hände nicht sehen. Dann legte ich das Kinn auf meine Unterarme und betrachtete meinen kleinen Bruder voller Liebe. 

»Du weißt ja, dass man dir vor einer Woche Blut abgenommen hat«, begann ich. 

In seinen grünen Augen spiegelte sich die Angst wider. 

»Und du weißt auch, dass ich dir immer gesagt habe, wie stark du bist.«

Schweigend saß er im Schneidersitz vor mir und wartete auf meine nächsten Worte. 

»Du bist krank, Jamie. Du leidest an Leukämie.«

Es war raus, ehe ich einen Rückzieher machen konnte. Ich hatte gedacht, es würde ein wenig Gewicht von meiner Brust nehmen, diese Worte auszusprechen. Stattdessen nahm es um das Doppelte zu. 

Ich wusste nicht, in welchem Augenblick sich mein Leben genau verändert hatte. Doch spätestens in den Sekunden, in denen er nicht antwortete, wurde ich zu einem anderen Menschen. Ich hielt die Luft an, während ich auf eine Reaktion von ihm wartete. 

Von Jamie aber kam keine Reaktion, sein Blick war auf den Buben gerichtet.

Nervös fummelte ich am Saum meines T-Shirts herum. Sein Schweigen erweckte den Wunsch in mir, zu schreien. »Warum sagst du nichts?«

Von all den Fragen stellte er ausgerechnet die, auf die ich keine Antwort hatte.

»Werde ich sterben?«

Das war erstmal der Abschnitt. Schreibt mir gerne eure Gedanken dazu auf. Ich freue mich auf den gemeinsamen Austausch! 

Liebe Grüße,
Aydan

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