Leseprobe

1. Kapitel

                   Illinois, Chicago

Ich wusste alles über diese Stadt. Jede Einzelheit. Ich wusste, dass sie die drittgrößte Stadt in den Vereinigten Staaten war, der erste Wolkenkratzer in Chicago errichtet wurde und dass der Erfinder der kabellosen Fernbedienung, Eugene Polley, aus Chicago stammte. Sie war zwar die gefährlichste Stadt der Vereinigten Staaten, aber sie war auch die erfolgreichste Handelsstadt der Welt. Doch sie konnte sein, was sie wollte. In meine Favoritenliste würde sie es jedenfalls nicht in die Top Zehn schaffen.
     Ein kalter Wind wehte durch die wohlhabende Nachbarschaft in North Side, hörbar raschelten die Blätter an den Bäumen. Ein getrocknetes Blatt wehte mir vor die Füße, stieg in die Höhe und flog davon.
     Unter meinen Stiefeln befanden sich unzählige kleine Steine, die am Anfang eines Kiesweges lagen, der bis zu den Stufen der Veranda führte. Das Anwesen besaß ein großes Grundstück, das einen beachtlichen Abstand zu seinen Nachbarhäusern hatte. Ich wusste, dass sich dahinter eine Wiese mit einem Werkzeugschuppen befand und eine Schaukel, die an einem Ahornbaum hing. Mein Elternhaus, das jahrelang unbewohnt gewesen war, war längst nicht mehr von blütenweißer Farbe bedeckt, sondern wirkte schmutzig und grau.
     Meine Augen huschten zu einem Mann in blauer Arbeitskleidung, der mit einem Karton in den Händen an mir vorbeilief und durch die geöffnete Haustür im Hausinneren verschwand.
     Ich wandte mich dem Umzugswagen zu, der vor der Einfahrt stand und beobachtete, wie zwei Männer die anderen Kartons ausluden.
     Mein Blick wanderte zu Grandmas mintgrünen Thunderbird, den sie liebevoll Lady nannte. Obwohl er bereits Straßen, Städte und sogar einige Länder hinter sich gelassen hatte, hielt er sich tapfer auf seinen vier Rädern.
     »Haven?«, hörte ich Grandma sagen, die sich neben mich stellte. »Begutachtest du dein neues Zuhause, Schatz?«
     »Eher mein altes«, erwiderte ich und wandte mich ihr zu.
     Meine Grandma war eine von Natur aus schlanke Frau. Sie war zwar einen halben Kopf kleiner als ich, aber die Absatzschuhe, die sie trug, zauberten ihr fünf Zentimeter mehr dazu, sodass sie fast ebenso groß war wie ich. Kleine Fältchen schmückten den Rand ihrer Augen, die in einem schönen Braun strahlten und Wärme und Geborgenheit vermittelten.
     Ihre grauweißen Löckchen lugten unter einem mit Blumen gemusterten Tuch hervor. Trotz allem hatte die Zeit ihrer Schönheit nichts anhaben können.
     Grandma war die wichtigste Person in meinem Leben. Nicht, weil sie mich nach dem Tod meiner Eltern bei sich aufgenommen und aufgezogen hatte, sondern, weil sie mich gelehrt hatte, mit erhobenem Haupt durchs Leben zu gehen. Auch wenn ich mich nach meinen Eltern sehnte, linderte ihre Gegenwart die Einsamkeit in meinem Herzen. Ich liebte sie, aber konnte mich mit ihrer Entscheidung, nach Chicago umzuziehen, nicht anfreunden. Sie hatte sich nach fünfzehn Jahren, entschlossen zurückzukehren. Wenn Evelyn Grace Sparks sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, musste sie es in die Tat umsetzen. Obwohl es mir schwer fiel, mich von meinen Freunden zu trennen und die vertraute Umgebung hinter mir zu lassen, kam ich ihrem Wunsch nach. Sie war meine letzte lebende Verwandte und jeder Ort wäre ohne sie nur halb so vollkommen.
     Ich folgte ihr ins Haus, verharrte im Foyer und sah mich in meinem Elternhaus um. Mich umfingen cremefarbene Tapeten und ein Marmorboden, über den man über zwei geschwungene Treppen in das zweite Stockwerk gelangte. Mein Blick streifte dabei einen Kronleuchter, der genau in der Mitte des Foyers angebracht war. Er war gerade dabei, von einer Mitarbeiterin einer Reinigungsfirma, die Grandma gebucht hatte, um das Haus wieder auf Vordermann zu bringen, von seinem verstaubten Zustand befreit zu werden. Ich nahm meinen Weg wieder auf und lief in den angrenzenden großen Salon und drehte mich einmal um meine Achse. Auch hier empfingen mich warme Töne, die mit champagner und gold gemischt waren. In der Mitte des Salons stand in einer U-Form aufgestellt eine Couch und vor ihr ein Glastisch. Über den großzügig gebauten Wohnbereich hatte man direkten Zugang zur Terrasse und damit in den Garten mit meiner Schaukel. In dem Kamin lagen dekorativ ein paar Holzscheite und über ihm ein Bild, das mir einen gewaltigen Stich mitten ins Herz verpasste, als ich es betrachtete. Mom hatte ihren Ellbogen an Dads Schulter gestützt und ihre Hand in ihren langen karamellfarbenen Haaren vergraben, während sie mit einem glücklichen Lächeln in die Kamera sah und mich auf ihren Schoß hielt. Dads braune Haare waren ein Chaos von wirren Locken. Er trug, passend zu Moms mit Blumen bedruckten blauen Kleid, ein blaues Hemd, wo die Ärmel bis zu seinen Ellbogen hochgekrempelt waren, und eine braune Jeans. Er hielt dabei meine Hand in seiner.
     Ein seltsames Gefühl breitete sich in mir aus, als ich mich selbst betrachtete. Meine braunen Haare, die eine Mischung aus Dads und Moms Haaren waren, waren in zwei Zöpfe geflochten. Ich trug ein weißes Kleid und grinste mit meinen zwei Zähnen in die Kamera. Aber der Grund, warum meine Augen sich mit Tränen füllten, war mein Dad. Er schaute nicht in die Kamera, sondern auf mich. Dabei lag so viel Wärme in seinem Blick, so viel Liebe, die mein einsames Herz mit Sehnsucht erfüllte.
     Ich zwang mich, den Blick abzuwenden, und wich im richtigen Moment zur Seite, als einer der Arbeiter an mir vorbeihuschte und sich mit einem Putzlappen in der Hand dem verstaubten Bild widmete, bei dessen Anblick ich einen Moment in der Vergangenheit geschwelgt hatte.
     Als ich die Terrassentür ansteuerte, die aufgeschoben war, damit der muffige Gestank aus dem ganzen Haus verschwand, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie Grandma den Arbeitern Anweisungen erteilte.
     Ich trat hinaus und erblickte meine Spielwiese, auf der getrocknete Blätter lagen und den Ahornbaum mit meiner Schaukel.
     Kurzerhand lief ich wieder hinein und bat einen der Mitarbeiter um Putzutensilien. Ich wählte ein Reinigungsmittel mit Rosenduft und ging in die offene Küche, die an den Wohnbereich angrenzte. Grandma ermahnte mich, die Arbeit dem Personal zu überlassen, doch ich hörte nicht auf sie. Ich half ihnen, bis meine Hände rau waren. Ich putzte, schrubbte und wischte, bis kein einziges Staubkorn mehr zu sehen war und mein neues altes Zuhause nach frischen Rosen duftete. Ermüdet lief ich später in den Salon und lächelte, als ich ein paar ihrer Orchideen sah, die Grandma aus Oklahoma mitgebracht hatte. Nachdem wir die Suppe gegessen hatten, die Grandma uns gegen Abend zubereitet hatte, half ich ihr beim Aufräumen und zog mich in mein Kinderzimmer zurück. Bis auf das kleine Licht, das aus dem Wohnzimmer nach oben dämmerte, war der Flur dunkel.
     Ich legte meine rechte Hand auf die Holztür und übte leichten Druck aus. Sie öffnete sich ein Stück und gab den Blick auf mein Bett frei, das mit dem Kopfteil in der Mitte an der Wand stand. Meine Füße entwickelten ein Eigenleben, als sie hineingingen und mitten im Zimmer auf dem grauen Parkettboden stehenblieben. Das Licht des Mondes strahlte durch das Fenster, das sich zwischen Bett und Kleiderschrank befand.
     Ich drehte mich um meine eigene Achse und sog jedes Detail in mich auf, als hinge meine Existenz davon ab. Die Türen des leeren Kleiderschrankes standen weit offen, bereit, mit neuen Kleidern ausgestattet zu werden. Ein Film wurde vor meinem inneren Auge abgespult. Meine Augen richteten sich auf ein kleines Mädchen mit Zöpfen, das an mir vorbeihuschte und versuchte, mit ihren kurzen Beinen auf das Bett zu klettern.
     »Kleines?«, hörte ich eine Männerstimme an der Tür sagen.
     Mein Kopf fuhr in die Richtung und ich lächelte.
     »Hallo Dad«, flüsterte ich.
     »Was machst du da?«
     »Ich …«
     »Mein Bett ist zu groß, Daddy«, kam eine kindliche Stimme mir zuvor.
     Er lief an mir vorbei, ohne mich zu beachten. »Na komm, ich helfe dir.«
     »Liest du mir eine Gute-Nacht-Geschichte vor?«, fragte sie ihn, als er ihr hoch half und die Decke über sie zog.
     »Wieder das gleiche Märchen?«
     »Ja«, sagte sie und griff nach ihrem Kinderbuch auf dem Nachttisch.
     »Gefallen dir die Märchen?«
     Sie nickte energisch und sah ihn dann mit großen Augen an. »Gibt es überhaupt Märchen, Daddy?«
     Er nahm ihr das Buch ab, schlug die erste Seite auf und warf ihr einen liebevollen Blick zu. »Sonst würde es dich nicht geben.«
     »Haven?«, fragte Grandma neben mir.
     Ich zuckte zusammen und wirbelte zu ihr herum. »Ja?«
     Sie sah mich besorgt an.
     »Alles okay?«
     »Ja«, sagte ich schnell, sah auf das Bett und stellte enttäuscht fest, dass meine Erinnerung verflogen war.        »Ich versuche mich nur, an das Ganze hier zu gewöhnen.«
     Ihre Miene nahm sanfte Züge an. »Ich weiß, es ist schwer. Dieses Zuhause war einst deins. Und es war Zeit, dass du es wieder kennenlernst.«
     »Schon okay, Grandma«, sagte ich lächelnd, aber meine Stimme versagte. »Manche Kämpfe muss man allein bestreiten, stimmt’s?«
     Sie lächelte mich an. »Stimmt.«
     Ich setzte mich auf das frisch bezogene Bett, als sie die Tür hinter sich schloss und schaltete die Nachttischlampe an.
     Mein Inneres fühlte sich an, als würde ein Hurrikan hindurch toben.
     Es war der pure Wahnsinn, wenn man es so nennen konnte.
     All die Jahre hatte ich mich genau hiervor gefürchtet. Doch ich wusste, dass ich es früher oder später tun musste. Ich musste mich meiner Vergangenheit stellen.
     Ich sah zum schwarzen Koffer, der neben dem Schrank stand und bereit war, ausgepackt zu werden.
     Morgen begann also ein neues Kapitel. Ein neues Kapitel in meinem alten Zuhause. Die Frage, die ich mir seit Tagen stellte, war: Würde Throne mich wiederkennen? Wusste mein bester Freund aus meiner Kindheit, dass ich mich gerade in der gleichen Stadt befand wie er?
     Seufzend stand ich auf und öffnete meinen Koffer. Beim Auspacken fiel mein Blick auf meine Steinsammlung, die ich in einer Holzschatulle aufbewahrte. Ich liebte und hütete diese Steine wie meinen Augapfel. Sie waren mein einziger Anker, der mich vom Wegtreiben bewahrte. Diese Steine waren in den Jahren meine treusten Begleiter gewesen.
     Ich öffnete die unterste Schublade vom Nachtisch und legte sie vorsichtig hinein. Nachdem ich alles im Schrank untergebracht hatte, kuschelte ich mich unter die Decke. Lächelnd blickte ich zu dem Sternenhimmel an der Decke und schloss erschöpft die Augen.

»Auf geht’s!«, ermutigte ich mich und schulterte den schwarzen Rucksack, der auf meinem Rücken baumelte.
     Ich nahm mir vor, nicht nervös zu werden, doch eine innere Unsicherheit kroch langsam, aber entschlossen in mir hoch. Seufzend richtete ich meine Augen auf die neue Uniform. Die weiße Seidenbluse steckte in einer schwarzen Stoffhose. Dazu trug ich einen schwarzen Blazer, der ebenfalls von der Collegeordnung vorgesehen war. Auch wenn ich kein Fan von Uniformen war, so war diese schlicht und akzeptabel.
     Ich sah wieder nach vorne. Das herrschaftliche dreigeschossige Gebäude mit der roten Backsteinfassade, den hohen Fenstern und einer weitläufigen Grundfläche ähnelte einem Museum. Eltern zahlten in jedem Monat eine gewaltige Summe, damit ihre Kinder hier ausgebildet werden konnten. Als ich den Kontoauszug, den Grandma hartnäckig vor mir hatte verstecken wollen, aus ihren Fingern schnappte und die Summe von 3500 Dollar entdeckte, stand mein Mund vor Schreck weit offen. Meinen Wunsch, auf ein staatliches College zu gehen, schlug sie mit einer entschiedenen Handbewegung aus. Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass es besser sein würde, weiteren Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Aber auf Dauer würde ich nicht zulassen, dass Grandma meine Collegekosten übernahm. Zum Glück besaß ich ein Sparkonto, das meine Eltern mir hinterlassen hatten und auf das ich im Notfall zurückgreifen konnte.
     Ich stieg die Stufen zum Eingang hoch und steuerte direkt einen Studenten an, der gegen das Treppengeländer lehnte und sich mit seinem Freund unterhielt.
     »Entschuldige, kannst du mir sagen, wo ich das Zimmer des Rektors finde?«, fragte ich, als ich vor ihm stand.
     Er unterbrach sein Gespräch und wandte sich zu mir. »Du musst die Treppe hoch, nimmst den Gang nach rechts und kommst direkt auf seine Tür zu.«
     »Danke«, erwiderte ich und wollte mich abwenden.
     »Neu?«, hakte er nach.
     Ich warf ihm nur ein kurzes Lächeln zu und nahm meinen Weg wieder auf.
     »Ryan!«, rief er mir nach.
     Ich drehte mich um. Während ich rückwärts weiterging, rief ich: »Haven!«
     Er schenkte mir ein Lächeln und drehte sich wieder zu seinem Freund.
     Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf und folgte der Wegbeschreibung. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, mich umzusehen. Ich stand auf dem Marmorboden der Eingangshalle, der vom Tageslicht, das durch eine Glaskuppel hoch oben durch die Decke strahlte, erhellt wurde. In den Ecken stand jeweils eine goldverzierte Säule um die Treppe herum, die von dieser Etage aus nach oben und unten vermutlich zu den Hörsälen führte. Einige Bilder an den Wänden verschönerten den Anblick der Halle.
     Ich stieg die Treppe hoch und erblickte eine Konstruktion, die identisch mit der unteren war. Anschließend steuerte ich in den Gang nach rechts und sah die Tür, die Ryan erwähnt hatte. Als ich vor dem Büro des Rektors, William Harper, stand, atmete ich tief ein und klopfte an die Tür.
     »Ja?«, rief eine raue Männerstimme nach meinem zweiten Klopfen.
     Ich drückte die Türklinke herunter, blickte in den Raum und sah den Kopf von Mr Harper tief in einem Stapel von Papieren vergraben.
     Nach einigen Sekunden hob er den grauweißen Schopf und blickte mich aus müden Augen an.
     »Ja, bitte?«, fragte er.
     »Guten Tag, Sir. Mein Name ist Haven Sawyer. Ich bin die neue Studentin aus Oklahoma. Ich hatte einen Brief von Ihnen erhalten, dass ich mich zuerst bei Ihnen melden sollte«, stellte ich mich höflich vor.
     »Ach ja!«, rief er kurz darauf. »Haven Sawyer! Der Name sagt mir durchaus etwas.« Er blätterte rasch in seinen Unterlagen und zog aus dem Stapel von Mappen eine weiße hervor.
     Ich verkniff mir ein Grinsen, als er dabei versehentlich mehrere Mappen aus dem Stapel riss.
     Er stieß einen Fluch aus, als sie auf den Boden fielen, und begann, sie umständlich wieder auf den Stapel zurückzulegen.
     »Sie haben in Oklahoma als Hauptfach Wirtschaft belegt und sind im letzten Semester. Ausgezeichnete Noten, Miss Sawyer«, sagte er anerkennend, als er meine Mappe vor sich aufgeschlagen liegen hatte. »Mrs Presley ist Ihre Dozentin in Wirtschaft und wenn ich mich nicht irre, sollte sie gerade eine Vorlesung halten. Hier ist Ihr Stundenplan.« Er überreichte ihn mir. »Mr Baker hat mich gebeten, mich um Sie zu kümmern. Ich werde Sie in Ihren Kurs begleiten.«
     »Danke«, murmelte ich, als er mir den Vortritt durch die Tür ließ.
     Seufzend steckte ich den Plan in die vordere Seitentasche. Mein Name würde schneller die Runde machen, als mir lieb war. Als Tochter von David Sawyer, einem der Gründer des Unternehmens, der zusammen mit Harold Baker die Hotelkette Sawyer & Baker Hotels & Resorts gegründet hatte, rückte ich, ohne es zu wollen, ins Rampenlicht.
     »War bestimmt schwer, Ihr Zuhause zurückzulassen, oder?«, fragte der Rektor.
     »Ja, aber ich möchte auch die Stadt kennenlernen, in der meine Eltern aufgewachsen sind.«
     »Sie werden sich auf jeden Fall wohlfühlen bei uns. Natürlich wird es einige Zeit brauchen, bis Sie sich hier eingewöhnt haben, aber Sie sind hier in besten Händen«, erklärte er lächelnd.
     Ich nickte, als wir vor einem Hörsaal anhielten. Nervös kaute ich auf meiner Lippe herum, da ich gleich in eine Vorlesung platzen würde, die bereits begonnen hatte.
     Er klopfte zweimal an die Tür, öffnete sie anschließend und ging hinein.
     Widerstrebend folgte ich ihm und vermied es dabei, zu den Studenten zu schauen, deren Blicke ich auf mir spürte.
     Nachdem Mr Harper ein paar geflüsterte Worte mit Mrs Presley gewechselt hatte, drehte er sich um und lächelte mich beim Hinausgehen an.
     Die Dozentin schwebte mit ihren schwarzen Stöckelschuhen wie ein Model zu mir herüber und ergriff meine zitternde Hand. Das beruhigende Lächeln, das sie mir schenkte, half mir, ein wenig runterzukommen. Ihr sicheres Auftreten, der graue Hosenanzug mit der weißen Bluse und der strenge Dutt zeugten von starkem Selbstbewusstsein.
     »Hallo Miss Sawyer. Ich freue mich, Sie in meinem Kurs zu begrüßen. Bitte kommen Sie am Ende der Vorlesung zu mir, damit ich Ihnen die Unterlagen für diesen Kurs aushändigen kann«, meinte sie und sah zu den Studenten. »Und nun können Sie sich für einen Platz unter den vielen leeren Plätzen entscheiden. Einige ihrer Kommilitonen waren so freundlich und haben Ihnen die Wahl erleichtert.«
     Ich erwiderte verkrampft ihr Lächeln und ahnte, dass mit dieser Professorin nicht zu spaßen war.
     Als ich ihrer Aufforderung nachkam und die Stufen an der linken Tribüne hochstieg, spürte ich die Blicke der Studenten geradezu körperlich. Ich fühlte mich, als wäre ich neun Jahre alt und sollte auf der Bühne vor der versammelten Elternschaft die Jungfrau Maria spielen.
     Ich setzte mich neben eine Studentin, die verträumt in ihrem Block herumkritzelte. Sie hatte ihren Kopf leicht zur Seite geneigt und wickelte eine Strähne ihres schwarzen Haares um ihren Finger. Ich schmunzelte, als ich den Namen Lucas auf ihrem Block las.
     Sie schnappte meinen Blick auf. »Spionierst du etwa?«
     Ich lächelte. »Vielleicht.«
     »Ich bin aber nicht so interessant wie die da«, flüsterte sie und zeigte mit dem Finger unauffällig auf eine Studentin mit aschblonden Haaren, die eine Reihe unter uns in der Mitte saß und ihr Kinn gelangweilt auf die Hand gestützt hatte.
     »Ich verzichte«, sagte ich.
     Sie neigte den Kopf zur Seite und studierte mich interessiert aus ihren braunen Augen. »Ich bin Brooklyn, aber meine Freunde nennen mich Brooke.«
     Ich lächelte. »Haven.«
     Die Dozentin gab uns eine Stillarbeit auf und ich begann, den Text über die Wirtschaftskrise im Jahre 2008 durchzuarbeiten.
     »Bist du einer dieser Promis?«, fragte Brooke mich plötzlich, als ich begann, meine Schreibutensilien aus dem Rucksack zu holen.
     Ich runzelte die Stirn. »Wie bitte?«
     Sie rollte genervt mit ihren Augen. »Na, wenn der Dinosaurier und der Drachen dich höchstpersönlich empfangen, dann musst du wohl eine dieser VIPs sein.«
     Ich sah sie verwirrt an.
     Sie grinste über beide Ohren und deutete mit der Hand nach vorne. »Darf ich vorstellen: Mrs Presley, auch bekannt als der Drache. Und der Dino ist unser allwissender – das denkt er zumindest zu sein – Rektor Mr Harper.«
     Ich stierte sie an. »Okay?«
     Sie kicherte. »Gewöhn dich besser dran. Wir in Chicago drücken uns ein wenig anders aus als in …« Sie verstummte und sah mich bedeutungsvoll an.
     »Oklahoma«, erwiderte ich rasch.
     »Oklahoma?«, fragte sie überrascht und riss ihre Augen auf. »Das ist ja cool! Ich liebe The Five Moons! Tanzt du auch Ballett?«     
     Ihre aufgedrehte Art ließ mich schmunzeln. »Nein, Ballett ist nicht mein Fall. Ich stehe eher auf Schwimmen.«
     Sie ließ ihren Kopf mit einem enttäuschten Seufzer in ihre Hand fallen. »Schade, hätte ja sein können.«
     Ich lief zu Mrs Presley nach vorne, als sie uns in die Pause entließ. Sie überreichte mir einen Ordner voller Unterlagen, der mit meinem Namen versehen war.
     »Da Sie mitten im Semester gewechselt sind, müssen Sie diese Unterlagen noch durcharbeiten. Sie können mich gerne bei Fragen ansprechen, auch über die Lernplattform bin ich per E-Mail immer erreichbar.«
     »Bietet das College auch einige Sportkurse an?«, fragte ich.
     Sie lächelte. »Natürlich. Wenn Sie wollen, können Sie sich in einen einschreiben. Die Coachs finden Sie im hinteren Gebäude. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?«
     »Nein, soweit nicht.«
     »Gut, wenn doch etwas sein sollte, fragen Sie einfach«, sagte sie und setzte sich an ihren Schreibtisch. »Ach, und Miss Sawyer?«
     Ich war fast schon aus der Tür, als sie mich aufhielt. »Ja?«
     »Glauben Sie nicht alles, was die Studenten erzählen.«
     Mein Versuch, eine ahnungslose Miene vorzutäuschen, scheiterte.
     Sie machte ein langes Gesicht. »Wie ich sehe, hat man Sie bereits eingeweiht. Dabei bin ich eine Dozentin, die gutmütig zu ihren Studenten ist. Aber wenn diese lieber bevorzugen, nicht zu meinem Unterricht zu erscheinen, verteile ich gerne auch mal eine schlechte Note mehr. Verstanden?«
     »Verstanden«, murmelte ich und sah zu, dass ich hier schleunigst verschwand.
     Im Gang stopfte ich den Ordner in den Rucksack und sah auf meinen Stundenplan. Marketing stand als nächstes auf dem Programm. Die nebenstehende Raumnummer ließ darauf schließen, dass sich der Hörsaal im Obergeschoss befand. Ich war erleichtert, dass jetzt Pause war, somit würde ich mich zur nächsten Vorlesung nicht abhetzen müssen.
     Ich faltete das Papier wieder zusammen und war erstaunt, als ich meine Sitznachbarin mit einem Lächeln vor mir sah.
     »Soll ich dich ein wenig herumführen?«, schlug sie vor.
     Lächelnd schulterte ich meinen Rucksack. »Da sage ich nicht Nein.«
     Der Anblick der Cafeteria verschlug mir buchstäblich die Sprache. Der graue Linoleumboden ließ den Saal mit den weißen Allzwecktischen und den weißen Kantinenstühlen edel und schön aussehen. Eine Glaskuppel ragte auch hier über die Decke und gab den Blick in einen blauen Himmel frei, der die Cafeteria hell und einladend aussehen ließ.
     »Hast du Hunger?«, fragte Brooke. »Das Essen ist hier zwar nicht immer hervorragend, aber es lässt sich leben.«
     Ich schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, im Moment nicht wirklich.«
     Wir verließen die Cafeteria. Der Gang führte in die Marmorhalle mit der Glaskuppel, die ich ganz am Anfang erblickt hatte, als ich das College betrat.
     Ich stoppte vor einer Vitrine und betrachtete, was sich darin befand. Ganz unten lagen Medaillen und Pokale in einer Reihe, Ehrungen der Football-, Basketball- und Schwimmteams des Colleges. Auf einem Bild lächelte mir Mr Harper entgegen. Es stand auf dem zweiten Vitrinenboden.
     Mein Blick wanderte höher und ich begegnete zwei grünen Augen.
     Harold Baker.
     Ich kannte ihn von den Fotos, welche zu Hause in den unteren Schubladen der großen Kommode beherbergt wurden. Er hatte schwarze Haare, eine hohe Stirn mit ausgeprägten Wangenknochen. Es war erstaunlich, dass er dem Mann aus meiner Kindheit immer noch ähnlich sah.
     »Kennst du den Inhaber des Colleges?«, hörte ich mich sagen.
     »Du meinst Harold Baker?«, fragte sie. »Nicht wirklich. Meine Eltern sind mit ihm befreundet. Mit seinem Sohn kann ich allerdings nichts anfangen.«
     Wir setzten uns draußen auf die Stufen des Eingangs und sahen einigen Studenten beim Basketballspielen zu. Die anderen standen in Grüppchen herum und redeten miteinander. Ein Student mit Dreadlocks warf neben uns seinen Kopf auf und ab und krümmte seine Finger, so als würde er eine Gitarre in der Hand halten. Vielleicht dachte er auch, dass das College eine Art Konzert war. Weiter hinten saßen einige Studenten auf der Wiese und lernten mit den Büchern in ihren Händen. Eine andere Studentin, die weiter weg rücklings auf der Wiese lag, verwendete das Buch als Sonnenschutz.
     »Schräge Vögel«, murmelte ich.
     »So manche«, stimmte sie zu.
     Ich wandte das Gesicht Brooke zu und lächelte in mich hinein, während ich sie vom Profil betrachtete. Sie hatte eine schlanke Taille, ein rundes Gesicht mit porzellanfarbener Haut und glatte, schulterlange Haare. Sie wirkte auf mich wie ein tröstliches Geschenk, das mein neues Leben hier ein wenig versüßte. Sie erzählte mir, dass sie seit ihrer Kindheit davon träumte, irgendwann eine eigene Organisation zu gründen, die hilflosen Kindern in den Entwicklungsländern eine bessere Zukunft bieten sollte. Dieses Vorhaben, das sie mit wild gestikulierenden Händen und einem Strahlen in ihren Augen schilderte, ließ mich gerührt dreinblicken. Das war auch einer der Gründe, warum sie Politikwissenschaft als Hauptfach gewählt hatte und Wirtschaft als Nebenfach. Ich hatte keine Zweifel, dass aus ihr irgendwann eine großartige Botschafterin und Mutter werden würde. Ihr war anzusehen, dass sie trotz des Ruhms ihrer Eltern bodenständig geblieben war.
     Ein schwarzer Aston Martin zog plötzlich meine Aufmerksamkeit auf sich, als er gerade auf den Campus fuhr und mit einer fließenden Drehung auf dem Parkplatz zum Stehen kam. Ich kannte mich zwar nicht gut mit Autos aus, aber diesen würde ich überall wiedererkennen.
     Das war ein schicker Vanquish.
     Ich sah, wie sich gleichzeitig alle Köpfe dem Wagen zuwandten.
     »Scheint wohl jemand Wichtiges zu sein«, sagte ich.
     »Darf ich vorstellen – Throne Baker, der Sohn von Harold Baker.«
     Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich meine Augen auf den Wagen richtete. Ich beobachtete, wie er die Tür aufstieß, einen Fuß auf den Boden aufsetzte und ausstieg. Eine schwarze Sonnenbrille schützte ihn vor den Sonnenstrahlen, die immer wieder hinter den grauen Wolken, die zwischenzeitlich aufgezogen waren, hervorschlichen. Auf seinem Kopf trug er eine graue Beanie, die ihm tief auf der Stirn saß. Er drehte sich um und beugte sich hinter den Rücksitz, griff nach einer schwarzen Umhängetasche und hängte sie sich über die Schulter. Dann warf er die Tür zu und drehte sich zur Menge um. Die Ärmel seines weißen Hemdes waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Das Hemd, das laut Collegeordnung in der Hose stecken sollte, trug er lässig darüber. Es schmiegte sich perfekt an seine Brust. Statt des schwarzen Jacketts, das die Männer trugen, warf er seine schwarze Lederjacke über die Schulter. Die schwarze Krawatte baumelte um seinen Hals.
     Ein paar Studenten gesellten sich zu ihm.
     »Die Blondine, die neben ihm steht, ist das seine Freundin?«
     »Das ist die, die ich dir vorhin gezeigt habe. Sie heißt Avery und nein, ist sie nicht. Sie versucht schon lange ihr Glück«, erklärte Brooke grinsend, »aber er pflegt keine längeren Beziehungen.«
     Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass die Pause zu Ende war. In der Marmorhalle trennten sich unsere Wege, aber bevor Brooke in ihre nächste Vorlesung eilte, teilte sie mir mit, wo sich der Hörsaal für Marketing befand. Wir verabredeten uns später in der Cafeteria. Dort angekommen setzte ich mich in die mittlere Reihe und ließ meinen Blick über die Studenten schweifen. Ich entdeckte Throne, der in einer der hinteren Reihen saß und auf seinem Handy herumtippte.
     Da er seine Beanie inzwischen abgenommen hatte, erkannte ich die schwarzen Haare von den Fotos wieder. Sie standen wirr von seinem Kopf ab und waren ein einziges Durcheinander.
     Als würde er meinen Blick auf sich spüren, hob er den Kopf und sah mich an.
     Schnell drehte ich mich wieder nach vorne und folgte der Vorlesung von Professor Hopkins. Da Marketing mein Lieblingsfach war und ich den Stoff bereits an meiner alten Uni durchgearbeitet hatte, fiel es mir leicht, der Vorlesung zu folgen.
     Nach der Vorlesung packte ich meine Sachen zusammen und lief in die Cafeteria.
     Brooke winkte energisch, als sie mich erblickte. Vor ihr stand ein Tablett.
     Ich setzte mich ihr gegenüber hin. »Hast du doch etwas zu Essen finden können?«
     »Wie ich bereits sagte, manchmal haben sie auch anständiges Essen.« Sie grinste und schob mir ihr Tablett hin. »Auch was?«
     Lächelnd bediente ich mich an einem Croissant.
     Nachdem wir aufgegessen und die Cafeteria verlassen hatten, löste sich der trübe Schleier, der sich über meine Erinnerungen gelegt hatte, als ich Throne von weitem auf mich zukommen sah.
     Er hatte breite Schultern und eine schmale Taille. Die Ärmel seines Hemdes spannten sich um seine Muskeln und vermittelten den Eindruck, dass er regelmäßig Sport trieb. Er hatte weiche und doch gleichzeitig markante Züge, die fließend ineinander übergingen. Ein leichter Schatten eines Bartes unterstrich seine Attraktivität. Man erkannte deutlich die italienischen Wurzeln, die von seiner Mutter stammten. Als sein Lachen den Gang mit sanften Klängen erfüllte, entblößte er zwei Reihen makelloser Zähne.
     Der Student mit dem rotbraunen Haar, der neben ihm herlief, war von derselben Statur wie Throne.
     »Cazzo«, rief Throne.
     Meine Schritte kamen ins Straucheln, als ich mich schwach an einen Moment zurückerinnerte, der tief unter den Ereignissen der letzten Jahre begraben war.
     »Lust, verstecken zu spielen?«, fragte er mit einem frechen Grinsen, in seinen Augen tanzte die Vorfreude.
     »Wenn ich gewinne, dann wirst du Orangen essen, und wenn du …«, sagte ich.
     »Das sage ich dir, wenn ich gewinne.«
     Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen, und wagte unauffällig den Blick in seine Augen, als er an mir vorbeiging.
     »Punkt für dich! Selbst ich kann das nicht mehr toppen«, hörte ich Throne sagen.
     Würde er mich wiederkennen? Eigentlich dürfte er es nicht tun, denn wir hatten uns vor vielen Jahren aus den Augen verloren. Dennoch wünschte ein Teil von mir, er würde es tun.
     Als er jedoch an mir vorbeiging, ohne mich zu bemerken, ließ ich die Schultern hängen.
     »Alles okay?«, fragte Brooke neben mir.
     Ich lächelte geknickt. »Alles bestens.«
     »Haven?«
     Dieser Moment kam so unvermittelt, dass ich mich nicht mal auf die kommende Situation vorbereiten konnte.
     Meine Schritte stockten, genauso wie mein Herz.   
     Brooke tat es mir gleich und drehte sich zu Throne um.
     Während meine Gedanken ihr Eigenleben taten und sich überschlugen, drehte ich mich um und sah hilflos den Mann an, der einst mein bester Freund gewesen war.